Claudio Arrau - Klavierabende 1963 und 1973Kontakt Im Auftrag von hänssler CLASSIC PR-Agentur Virginia Tutila exclusive public relations Krenkelstr. 22, 01309 Dresden +49 (0)351 - 3139 769 +49 (0)351 - 3140 809 virginia@tutila.de www.haenssler-classic.de |
Pressetext | Interpreten | Downloads | TracksEin Philosoph in schöpferischer AufgeregtheitBooklettext von Peter Cossé: Welch ein Lebensweg, welch eine Spanne künstlerischen Wirkens vom 6. Februar 1903 bis zum 9. Juni 1991, als der chilenische Pianist Claudio Arrau im Alter von 88 Jahren im österreichischen Mürzzuschlag verstarb! Kaum ein anderer Künstler des 20. Jahrhunderts konnte wie Claudio Arrau auf eine Laufbahn zurückblicken, die Konzerte, Tourneen, mithin: fast ununterbrochenes Wirken wie eine güldene Kette des akustischen Schenkens aneinanderreihte. Im Alter von fünf Jahren bereits war der im chilenischen Chillán geborene Claudio in der Lage, ein interessiertes, staunendes Publikum in Rage zu versetzen. Ein Wunderkind also, wie so viele, ja wie die meisten aus der ersten Liga des schöpferischen und des nachschöpferischen Gewerbes. Claudio Arrau kam als jüngstes von drei Kindern der Familie Lucretia Leon und des Augenarztes Dr. Don Carlos de Arrau zur Welt. Seinen ersten Klavierunterricht erhielt er von seiner Mutter. Das Erleben väterlicher Sorge war ihm nicht gegeben – Don Carlos kam bei einem Reitunfall ums Leben, als Claudio gerade ein Jahr alt war. Mit Unterstützung der chilenischen Regierung wurde es dem hochbegabten Claudio ermöglicht, bereits im Alter von zehn Jahren in Berlin am Stern’schen Konservatorium zu studieren. Kein Geringerer als Martin Krause – einer der letzten Schüler von Franz Liszt! – kümmerte sich um den Jüngling aus Südamerika. Als Martin Krause 1918 starb, weigerte sich der 15-jährige Arrau eine andere Klavierklasse zu besuchen. Von da an kümmerte er sich im Alleingang um sein Fortkommen, um die Verfeinerung seiner technischen und interpretatorischen Möglichkeiten und Ideen. Ein nicht ungefährliches Unterfangen, auch wenn die Beziehungen zwischen Meisterschülern und namhaften Pädagogen nur selten harmonisch ablaufen. Inwiefern Arraus menschliche und künstlerische Krise in den Jahren 1923 und 1924 mit dieser Entbindung aus einem pädagogischväterlichen Verhältnis zusammenhängt, ist aus den vorliegenden biographischen Dokumenten nicht endgültig zu erklären. Verbürgt ist es jedoch, dass sich Arrau mit der Unterstützung des in Berlin wirkenden Psychoanalytikers Abrahmson aus den Tiefen seiner Bedrängnisse befreite und in der Lage war, in den Jahren von 1925 bis 1940 eine Professur an eben jenem Stern’schen Konservatorium zu übernehmen, an dem er als Jugendlicher die ersten Eindrücke von deutscher Ordnung und Kultur erfahren durfte. Claudio Arraus künstlerischen Lebensweg im Blickfeld, wird man schwerlich von einem ungebrochen südamerikanischen Interpreten sprechen dürfen. Martin Krause – sein Lehrer im kulturell brodelnden Berlin – war nicht nur ein Prophet des Liszt’schen Nachlasses, er war – so bestätigen es die Zeitgenossen – ein strammer Verkünder deutscher Disziplin und musikantischer Korrektheit. Man kann sich vorstellen, wie die sicher angeborene Impulsivität des chilenischen Jungpianisten fruchtbar, aber auch explosiv auf deutsche Genauigkeit und Zuverlässigkeit traf. Diese Verbindung blieb für den lernbegierigen, pianistisch schier göttlich Begabten bis ins höchste Alter leitgebend, ja mehr noch: sie war das Fundament für ein Leben mit dem Klavier und im engsten Schulterschluss mit unseren großen Meistern der Klaviermusik. Für Arraus Hinwendung zu „deutscher“ Kultur zeugen auch seine Repertoire-Vorlieben. In Konzerten (und umfangreichen Konzert-Serien) in den 30er Jahren standen die Werke Johann Sebastian Bachs, Ludwig van Beethovens, Wolfgang Amadeus Mozarts und Franz Schuberts im Mittelpunkt – umfangreiche Unternehmungen, die seinerzeit unter dem Titel „Gesamtwerk“ gefeiert wurden, soweit damals die Kenntnisse von der entsprechenden Literatur gediehen waren. Diese Akzentsetzung spiegelt sich auch in Arraus Diskographie wider, die ab 1926 bis in die späten 80er Jahre eine geradezu unendliche Geschichte des Forschens, des Suchens, des Verweilens, des Entdeckens und der Rückbesinnung ist. Bezeichnend in diesem Zusammenhang, dass Arrau neben der deutsch-österreichischen Musik auch französische, spanische und gelegentlich auch russische Musik (ein-)gespielt hat, aber – soweit ich die diskographische Situation überblicke – kein Werk eines südamerikanischen Zeitgenossen. Dieser Umstand und sein emphatischer Einsatz für die Werke Beethovens, Schumanns, Schuberts und Brahms’ haben dazu beigetragen, den Chilenen Claudio Arrau als einen Weltbürger mit deutschem, korrekter: mit abendländischem Pass zu begrüßen, als einen Künstler, der seine Heimat nicht verleugnete, seine zweite Heimat aber auch nicht verleugnen konnte. Für die bei Philips zahlreich erschienenen Aufnahmen Claudio Arraus ist eines – und dies im Gegensatz zu fast allen seiner namhaften Kollegen – verbindlich: ein im Tempo und im Gestus verzögertes, aller unbedachten Mechanik abholdes Modulieren der ihm anvertrauten Notentexte. Als einer der wenigen mir bekannten Pianisten scheute sich Arrau, die Akkordrepetitionen am Beginn der Waldstein-Sonate von Beethoven (op. 53) in schlanker, rasanter, wenn man will: stupider Toccatenmanier gleichsam aus dem Ärmel zu schütteln. Hier und in unendlich vielen Brahms-, Schumann- oder Mozart-Momenten musste man den Eindruck gewinnen, als spiele Arrau nicht nur überlegen und überlegt Klavier. Vielmehr schien es, als ob er als Testaments-vollstrecker der ihm jeweils ans Herz gelegten Komponisten die nicht ganz leichte, ja schwere Geburt eines Werkes nachvollziehen würde. Nichts bereitete seinen Händen, seinen ein Leben lang gewitzten Fingern Probleme, aber die Gewichtigkeit der Musik ließ ihn zu einem Propheten der Zögerlichkeit, der atmenden Gehemmtheit werden. Und dies selbst in Phasen operntheatralischer Klavierkunst, wenn in einer seiner geglücktesten Schallplatten-Einspielungen die Verdi-Studien Franz Liszts auf dem Programm standen. Nun aber gilt es, unter dem Eindruck der beiden Schwetzinger Schlosskonzerte auch über eine jugendliche, ja stürmische Facette des Musikers Arrau zu sprechen. Natürlich bewegt sich der 60-jährige Interpret im Verlauf des – allzu – selten gespielten Beethoven-Rondos op. 51,2 im Rahmen des guten Geschmacks. Alle cantabile-Verwindungen und die hübschen Naivitäten des Mittelteils erinnern an seine Philips-Einspielung (in Verbindung mit der erwähnten Waldstein-Sonate), aber schon im nächsten Stück seines Schwetzinger Gastspiels zeigt sich, wie dieser Musiker sich ereifern konnte, wie er bis zur Ruppigkeit mit einem Werk sozusagen zu raufen vermochte. Beethovens im Ausdruck, in ihrer Vieldeutigkeit zwischen Klassik, Romantik und Barock vermittelnde A-Dur-Sonate op. 101 scheint Arraus an sich gebändigte Kräfte zu entfesseln, scheint ihn – inspiriert vom Publikum vielleicht – in jugendliche Stimmung zu versetzen. Besonders der zweite Satz mit seinen marschmäßigen Vivace-Turbulenzen zeigt Arrau wie im Taumel eines rabiaten Vorwärts, als habe er sich diesen Satz entgegen aller Vorsicht einmal richtig vorgenommen. Und auch die folgenden Händel-Variationen von Johannes Brahms sind nicht das Dokument eines im gesetzten Alter recherchierenden Musikgestalters. Die Triller des Themas vibrieren, bezeugen nervöse, initiale Lebhaftigkeit – und von der ersten, „attacca“ folgenden Variation an beschreibt das Spiel Arraus eine fordernde, drängende Ausdruckskurve mit zuweilen hohem Pegelausschlag. Hier wird auch deutlich, wie sehr sich Interpreten wie Arrau, sein Kollege Wilhelm Kempff, aber auch Pianisten wie Edwin Fischer oder Arthur Schnabel um die Essenz, um die Botschaft eines Werkes sorgten, weniger um klinisch reine, also notenstatistisch unanfechtbare Wiedergaben. Ich muss dabei an eine Bemerkung des Geigers und Dirigenten Sándor Végh denken. In seinen Meisterkursen unterschied er immer wieder zwischen wichtigen, sozusagen sinnvollen falschen Noten und jenen, die im Verlauf eines insgesamt unbedachten Spiels passierten. Arrau also kämpft hier in den Wechselwirkungen der Händel-Variationen durchaus mit den Unannehmlichkeiten der virtuosen Partitur, aber jederzeit hat er die übergeordnete Struktur, das sinnstiftende Kommen und Gehen der Variationen im Griff – mit dem untrüglichen Wissen (und Gefühl) für den Energiezuwachs der letzten Variationen-Kompression bis hin zu den mächtigen Entladungen der finalen Fuge. Zehn Jahre später im Schwetzinger Schloss ein ähnliches „Bild“! Claudio Arrau ist nun 70 Jahre alt, aber es zeigt sich keine Spur von gebremster Appassionata- Gelehrsamkeit. Die hier aufgezeichnete Darbietung der Beethoven-Sonate op. 57 ist, soweit ich einige Konzert-Darbietungen in Erinnerung habe, ein expressiver Ausnahmefall. So impulsiv, so „außer sich“ habe ich den an sich im Alter nachdenklichen, im Gespräch eher melancholischen Musiker noch nicht erlebt. So erweist sich einmal mehr, welch unterschiedliche Resultate im Konzertsaal und im Aufnahmestudio erzielt werden. Und man darf den Rundfunkanstalten danken, dass sie nahe am brisanten musikalischen Geschehen gewesen sind. » zurück zur Übersicht der Künstler |