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Duo Recital Gidon Kremer und Oleg Maisenberg

Duo Recital Gidon Kremer und Oleg Maisenberg
 
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Partnerschaft, vorhersehbare Emigration, musikalische Heimaten
Gidon Kremer und Oleg Maisenberg bei den Schwetzinger Festspielen 1977

Booklettext von Peter Cossé:

Als der aus dem lettischen Riga stammende, damals 23-jährige Geiger Gidon Kremer 1970 in Moskau den Tschaikowsky-Wettbewerb gewann – überlegen, unangefochten! –, gab es in der Musikwelt keinen Zweifel: Hier hatte sich ein Musiker von absolut eigener Statur Gehör verschafft, in seinen musikalischen Überzeugungen durchaus nicht pflegeleicht, mit literarischen Interessen, die weit über das bekannte Repertoire seiner Mitbewerber und Kollegen hinausreichte.

Der junge Gidon war in einer musikantischen Umgebung aufgewachsen. Großvater Karl Brückner unterrichtete Violine am Rigaer Konservatorium, der Vater arbeitete ebenfalls als Musikpädagoge. Ab 1954 besuchte Gidon in der Klasse von Voldemar Sturesteps das Konservatorium seiner Heimatstadt – Vorbereitungen für höhere studentische Herausforderungen und Weihen! 1966 wurde er in die Meisterklasse von David Oistrach am Moskauer Konservatorium aufgenommen. Damit kam er in ein künstlerisches Umfeld, das ihm die großen Traditionen gesunden, blitzenden, gleichwohl menschlich honorigen Virtuosentums nahebrachten, denn Oistrach verkörperte zeitlebens den Typus des instrumentalen Humanisten – beliebt und verehrt in allen ästhetisch wie politisch auch noch so gegensätzlich orientierten Kreisen. Ein Ausnahmefall, fast möchte man hinzufügen: ein Gott unter den Lebens- und Überlebensbedingungen der damaligen Sowjetunion!

Im Vorfeld des erwähnten Tschaikowsky-Wettbewerbs hatte Kremer sich bereits auf anderen Wettbewerbs-Podien um Erfolg bemüht, vor allem aber um konzertante Erfahrungen unter verschärften nervlichen Bedingungen. Immerhin: 1967 gelangte er – gerade 20-jährig – in das Finale des Brüsseler Concours Reine Elisabeth. Zwei Jahre später gewann er in Genua den Paganini-Wettbewerb. Dazu ist – was Kremers RepertoireÜberlegungen, seine Repertoire-Überraschungen anbelangt – zu bemerken, dass er von den Konzerten Paganinis bis zum heutigen Tag nur das selten aufgeführte „Vierte“ auf Schallplatte eingespielt hat, dazu aber eine groß angelegte, von der Geigercrème kaum beachtete Serie von hochkomplizierten Etüden, nämlich die 60 Variationen über das Genueser Lied Barucaba op. 14!

Mit dem aus Odessa gebürtigen Pianisten Oleg Maisenberg verband und verbindet Kremer bis zum heutigen Tag eine enge musikalische Freundschaft – mit allen fruchtbaren und nervenden Reibungen, die eine solche Verbindung auf höchstem künstlerischen Niveau zur Folge hat. Diese Partnerschaft hatte auch Bestand, als Kremer in den 80er-Jahren – nachdem er in den Westen ausgewandert war – die kammermusikalische Auseinandersetzung mit anderen, nicht unbedingt einfachen künstlerischen Persönlichkeiten suchte: Martha Argerich, Valery Afanassiev, Krystian Zimerman, András Schiff – um nur die wichtigsten zu nennen. Maisenberg – Absolvent des Moskauer Gnessin Instituts und Schüler des namhaften Pianisten Alexander Joscheles – hatte sich längst bei Wettbewerben außerhalb der UdSSR einen Namen als ungemein einfühlsamer, vor allem im Lyrischen sinngebender Interpret einen Namen gemacht. 1967 – als Kremer in Brüssel auf sich aufmerksam machte! – gewann Maisenberg in Wien den zweiten Preis im Internationalen Schubert-Wettbewerb, noch im selben Jahr den Ersten in einer der Musik des 20. Jahrhunderts gewidmeten Konkurrenz.

In der zweiten Hälfte der 70er-Jahre durften Kremer und Maisenberg sich musikalisch außerhalb der Sowjetunion bewegen – mit allen Behinderungen und finanziellen Unzumutbarkeiten, die für das damalige staatliche Konzertwesen und für die unter mannigfaltigen Restriktionen erlaubten Konzertreisen charakteristisch waren. 1977 hörte ich Kremer – erstmals live! – im Rahmen eines Konzerts bei der Schubertiade Hohenems im österreichischen Vorarlberg, wenig später traf ich ihn erstmals persönlich in Salzburg, als er bei den Festspielen konzertierte und bei dieser Gelegenheit das Sibelius-Konzert und Alfred Schnittkes Concerto grosso Nr. 1 für das Label (Melodyia-) Eurodisc unter der Leitung von Gennady Roshdestwensky einspielte. Schnittke, wie alle seinerzeit unter Bewachung, schaffte es, seinen Beobachtern zu entkommen und ließ sich von mir die Sehenswürdigkeiten Salzburgs zeigen. Aus dieser Zeit rührt auch meine Bekanntschaft und spätere Freundschaft mit Gidon Kremer, die sich zu einer langjährigen Zusammenarbeit intensivierte, als ich mehr und mehr die Programm-Redaktion seines 1981 gegründeten Lockenhauser Kammermusikfestes übernahm.

Dazu möchte ich Folgendes anmerken, denn nur selten haben Journalisten, Musikbeschreiber die Gelegenheit, über Jahre eine so enge Beziehung zu unterhalten (wobei sich mitunter der Unterhaltungsfaktor durchaus in Grenzen hielt!): Kremer wirkt bis zum heutigen Tag auf ganz eigentümliche Weise auf unterschiedlichen Ebenen der musischen und der humanen Existenz. Natürlich ist er weiterhin der große, unanfechtbare Solist im provokanten und auch liebevollen Dialog mit namhaften Orchestern und Dirigenten, natürlich exponiert er sich im traditionellen Duo mit den nicht immer bequemen, aber dafür der echten Kunst förderlichen Pianisten seiner Wahl. Dazu kommt Kammermusik in verschiedensten Besetzungen – mit neugierigem Blick auf das Bekannte und das Unerhörte –, und das Orchestrale, sofern auch nur die geringste Chance besteht, seine Kremerata Baltica mit ihren jungen, lebendigen, in den letzten Jahren zum Weltklasse-Ensemble herangereiften Kräften in programmatische Überlegungen mit einzubeziehen. Wenn man Kremer zwischen zwei Proben, beim Frühstück oder als Hörer eines Konzerts beobachtet, dann erlebt man einen ständig Sinnierenden, einen Geist, der das Gegebene ordnet, das Kommende wittert, man sieht einen selbstvergessen Hoffenden, der das Unmögliche trotz aller Argumente als möglich erachtet. In Gidons Mimik spiegeln sich aber auch die Sorgen um die Finanzierung seines Orchesters, die Sorgen um die Zukunft aller Musiker aus den baltischen Staaten, die sich ihm ja als eine Art Vater anvertraut haben und seit vielen Jahren von Ort zu Ort reisen – dies und dabei das Studium neuer Partituren, die Überprüfung des Gekonnten, des oft Gespielten hallt in seinen Mitteilungen wieder. Er ist und bleibt ein Mann, dem der Ernst des künstlerischen Daseins unausweichlich ist, gehoben und zugleich gedrückt von dieser Verantwortung, auch wenn gerade er es immer wieder ist, der anderen die Plattform bietet, Erfahrungen zu sammeln, zusammenzukommen, Freude aneinander zu haben.

An all dies und an viele unvergessliche Stunden auch mit Oleg Maisenberg – vor allem Seite an Seite in den Juroren-Kollegien der Wettbewerbe in Zürich (Géza Anda) und Moskau (Sviatoslav Richter) – musste ich denken, als ich den Mitschnitt dieses Schwetzinger Konzerts von 1977 hörte. Welche Wehmut, welch’ ernste Melancholie durchweht, ja durchblutet die ungemütlichen Passagen der f-Moll-Violinsonate von Prokofieff?! Was für ein Bild darf man sich im Nachhinein – im Wissen um das Leben der beiden Interpreten – machen von schwelenden Zweifeln, von Gedanken an eine mögliche, an eine gefahrvolle Emigration? Hier das geliebte, in vielen Belangen verhasste Heimatland, da der freie, aber auch nicht unproblematische Westen. So scheinen alle diese Prokofieff-, Schubert-, Webern- und Beethoven-Darbietungen gezeichnet von einer Mischung aus jugendlicher, früh erwachsener instrumentaler Souveränität und einer in Ton und Färbung zu spürenden Irritation in Hinblick auf kommende, auf entscheidende Wendepunkte im Werdegang dieser beiden Musiker.
 

 
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