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Olivier Messiaen - Werke für Orchester

Olivier Messiaen - Werke für Orchester
 
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VÖ: 08. September 2008

OLIVIER MESSIAEN (1908 – 1992) - Werke für Orchester

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg
Dirigent: Sylvain Cambreling
SWR music / hänssler CLASSIC Best.-Nr. 93.225 (Box mit 8 CDs)

CD 1
Les Offrandes oubliées - Die vergessenen Opfer (1930)
L’Ascension - Die Himmelfahrt (1934)
Poèmes pour Mi - Gedichte für Mi (1948)
CD 2
Turangalîla-Symphonie (1948)
CD 3
Réveil des oiseaux - Das Erwachen der Vögel (1953)
Oiseaux exotiques - Exotische Vögel (1956)
Chronochromie (1960)
CD 4
Et exspecto resurrectionem mortuorum (1964)
La Transfiguration de Notre-Seigneur Jésus-Christ - Die Verklärung unseres Herrn Jesus Christus (1969)
CD 5
La Transfiguration de Notre-Seigneur Jésus-Christ - Die Verklärung unseres Herrn Jesus Christus (Forts.)
CD 6
Des Canyons aux étoiles … - Von den Canyons zu den Sternen … (1974)
CD 7
Des Canyons aux étoiles … - Von den Canyons zu den Sternen … (Forts.)
La Ville d’En-Haut Die Stadt dort oben (1987)
Un Sourire - Ein Lächeln (1989)
CD 8
Éclairs sur l’Au-Delà - Streiflichter über das Jenseits (1991)

Oliver Messiaen (1908 – 1992)
Booklettext von Rainer Peters
(Der komplette Booklettext ist unter Downloads herunterzuladen.)

Für die Charakterisierung französischer Musik und Kunst und Wesensart hält man – vor allem „outre-Rhin“ – einige von den Franzosen selbst gelieferte Stereotypen bereit, als da wären: lucidité, clarté, raison, esprit, divertissement, Knappheit, Klarheit, Helligkeit, Durchsichtigkeit, Eleganz. Es gibt eine Reihe französischer Künstler, die diesen Klischees nur in bescheidenem Umfang entsprechen, Victor Hugo etwa oder Hector Berlioz. Olivier Messiaen allerdings ist das entschieden Unfranzösischste, was das Land des Maßes und der Diskretion im Musikbereich hervorgebracht hat. Als der 37-jährige nach seiner Ästhetik befragt wurde, bezweifelte er zunächst, dass er überhaupt eine habe und wagte dann das viel zitierte Bekenntnis:

Ich kann wohl sagen, dass meine Vorliebe einer farblich schillernden, verfeinerten, ja wollüstigen Musik gehört, einer Musik, die Zartheit und Heftigkeit, Liebe und Ungestüm kennt; einer Musik, die den Hörer hin- und herwiegt, die sich aussingt (Ehre gebührt der Melodie, der melodischen Phrase); einer Musik, die von frischem Blut belebt wird, deutliche Gesten kennt, einen zuvor nie gekannten Duft verströmt, einem ruhelosen Vogel gleicht; einer Musik in der Art von Kirchenfenstern, in denen Komplementärfarben in wirbelnde Bewegung geraten; einer Musik, die die Begrenzungen der Zeit und ihre Allgegenwart spürbar werden lässt, die von den Auferstandenen, den göttlichen und übernatürlichen Mysterien handelt; einer Musik, die einem ‚theologischen Regenbogen‘ gleicht. (Antwort auf eine Umfrage des Musikkritikers Fred Goldbeck in der Zeitschrift contrepoints, März/April 1946)

Natürlich wurde ein solches Credo – Wollust, Melodie, katholischer Mystizismus, Farbenorgien – als skandalös angesehen, zumindest belächelt in einer Zeit, in der rigoroser Konstruktivismus und lückenlos programmierbare Klangprozesse das Maß der musikalischen Dinge zu werden begannen. Dabei hat gerade Messiaen mit seinem Klavierstück Mode de valeurs et d’intensités von 1949 die nichts weniger als klangsinnliche Inkunabel seriellen Komponierens zuwege gebracht. Aber im selben Jahr wurde auch im fernen Boston unter der Leitung eines jungen Dirigenten namens Leonard Bernstein die monströse
Turangalîla-Symphonie uraufgeführt, der Zehnsätzer, in dem Poème de l’extase und intellektuelles Kalkül, hollywoodeske, spirituelle und knirschend- dissonante Klänge so aufeinandertreffen, dass die alten Kategorien Stil und Geschmack außer Kraft gesetzt scheinen.

Die Heterogenität von Messiaens musikalischem Kosmos zeigt sich schon hier samt ihren Paradoxien und Irritationen – und ihrer visionären Größe: Die Verbindung von Rationalität und Mystizismus, von Dies- und Jenseitigkeit, von Naturhymnen und Sternentänzen mündet in den Lobpreis der „theologia gloriae“, in gesamtkunstwerkhafte Utopien vom „himmlischen Jerusalem“. Wer in diesen Kosmos eindringen will, muss sich mit folgenden biographisch- kompositorischen Sachverhalten vertraut machen:

— Messiaen, sein Leben lang Organist an Sainte- Trinité in Paris, war so glühend und unangefochten gläubiger katholischer Christ, wie man es sonst nur von Anton Bruckner behauptet. Je suis né croyant („Ich bin schon gläubig auf die Welt gekommen“) hat er von sich gesagt und verstand sich mehr als Theologe denn als Komponist. Wobei seine Strenggläubigkeit ihn in fast keinem Falle dazu bewog, auf eine liturgische Verwendbarkeit seiner Musik Rücksicht zu nehmen.

— Messiaen war Synästhetiker, er gehörte zu den Menschen, die beim Hören von Tönen und Klängen – und beim Komponieren! – komplexe Farb-Vorstellungen haben. Daher rühren auch die häufigen Schilderungen seiner Musik mit Hilfe von Farb- und Helligkeitsbegriffen. (Den Mittelteil der „2. Transposition seines 3. Modus“ etwa empfand er als „hellgrau und weiß mit malvenfarbigen und hellgelben Reflexen“.)

— Messiaen sprach gelegentlich von den „vier Tragödien meines Lebens“. Eine davon war, dass ich als gläubiger Musiker über den Glauben zu Atheisten spreche. Wie sollen sie mich verstehen? Eine andere: Wenn ich Klänge höre, sehe ich geistig Farben. Ich habe das öffentlich gesagt [...] aber niemand schenkt mir Glauben. Ich kann noch so reichlich Farben in meiner Musik verwenden, die Zuhörer hören, aber sie sehen nichts. (Auszug aus Conférence de Kyoto – Kyotoer Vortrag – Paris 1988)

— Messiaen war Ornithologe, ein Vogelkundler mit wissenschaftlicher, musikalischer und franziskanischer Liebe zu den „gefiederten Gottesboten“. Seine Musik ist durchsetzt mit Vogelrufen und -gesängen (manche Stücke basieren ausschließlich darauf), die er alle eigenhändig – mit Papier und Bleistift in der Natur, aber auch Schallplatten hörend – notierte.

— Messiaen bezog wichtige Bestandteile seiner Musiksprache aus Ostasien. Wie Debussy hat er die javanischen und balinesischen Gamelan-Orchester samt Satztechnik studiert; er hat seine Vorliebe für altindische Rhythmen (und griechische Metrik) zu einer Rhythmuslehre entwickelt und in seiner Schrift Technique de mon langage musical publiziert. Er arbeitete mit Rhythmusmodellen, die sich überlagern, kanonisch geführt werden, diminuiert, augmentiert und krebsgängig auftreten und zu „rhythmischen Personen“ individualisiert werden.

Eine seiner Spezialitäten waren „nicht umkehrbare Rhythmen“ (die, wenn man sie von einem bestimmten Zentral- und Wendepunkt aus betrachtet, von hinten wie von vorn verlaufen). Dem „Reiz der Unmöglichkeiten“ verdankt sich auch Messiaens System „begrenzt transponierbarer“ Modi: Sieben unterschiedliche Tonleitern aus sechs bis zehn Tönen, mit denen er melodisch, harmonisch und polymodal arbeitete (wobei Modus 1 die – selten verwendete – Ganztonleiter ist.)
 
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